Schrank der Zimmerer-Innung von 1722

Auswärtige und Delitzscher Zimmerleute waren seit Entstehung des Ortes am Bau von verschiedensten Gebäuden und Brücken beteiligt. 1376 werden die Zimmerleute erstmals in der Chronik erwähnt, 1617 erhielten sie vom Landesherrn ihren Innungsbrief mit zahlreichen Vorschriften zur Lehrausbildung, der Stellung der Gesellen, der geforderten Meisterstücke und peniblen finanziellen Reglungen. Es ist durchaus denkbar, dass ein Delitzscher Tischlermeister den hier beschriebenen Innungsschrank als Meisterstück für die hiesigen Zimmerleute angefertigt hat.


Das Aussehen
Der zweitürige Schrank aus Kiefernholz aus dem Jahr 1722 hat eine Höhe von 193 cm, eine Breite von 171 cm und eine Tiefe von 47 cm.
Das kastenförmige Möbelstück ähnelt in seinem konstruktiven Aufbau den damals üblichen Bauernschränken, von denen das Delitzscher Museum einige Exemplare besitzt. Wie die Bauernschränke wird der Innungsschrank in der üblichen Weise halbiert und durch am Boden und dem Deckbrett befindliche Keile zusammengehalten. Zwei Männer können den Schrank so schnell auf- oder abbauen und somit auch durch kleine Türen transportieren, allerdings müssen vorher noch die Schranktüren aus ihren in Halterungen gelöst werden.

Ähnlich wie die Bauernschränke weist der Zimmermannsschrank als oberen Abschluss einen beschrifteten Kranz auf – deutlich ist hier der Schriftzug „Für die sämtlichen Meister des Zimmer Handwerks 1722“ zu lesen. Solche Beschriftungen waren im deutschsprachigen Gebiet auch bei anderen Handwerksinnungen sowohl bei den Innungsschränken als auch bei den Innungsladen mit kleinen sprachlichen Abweichungen üblich.

Während die Bauernschränke im Delitzscher Museumsfundes recht farbig bemalt sind, ist unser Handwerksschrank eher zurückhaltend in braungrünen Farbtönen auf Kreidegrund bemalt. Im Mittelfeld der Türen finden wir Zimmerersymbole, wie Handwerksgeräte, auf Wappenschildern.

Ursprünglicher Standort
Ursprünglich gehörte der Innungsschrank wohl zur Ausstattung der „Herberge zur Heimat“ in der Ritterstraße, in der sich mehrere Delitzscher Handwerksinnungen trafen. Dort hatte jede Innung einen eigenen Tisch, über dem das jeweilige Innungszeichen schwebte.
In den Innungsschränken wurden oft die Lade, ein dekorierter Holzkasten, die Fahne, das Bahrtuch, Schriftgut, Trinkgefäße, Liederbücher und vielleicht auch mal ein Meisterstück aufbewahrt.
Die hölzernen Laden beherbergten wiederum Journale mit Auflistungen der Meister, Gesellen und Lehrlingen, den Terminen für das Aufdingen der Lehrlinge, das Freisprechen der Gesellen, den Meisterprüfungen und den dabei getätigten Geldsummen, Verträge, Quittungen sowie vorhandenes Bargeld.

Umzug
Mit Auflösung der Herberge, das Datum ist leider nicht überliefert, wurde der Schrank in die Stadtkirche St. Peter und Paul verbracht und musste bei der Generalsanierung 1890 unter Baurat Haase wie viele barocke Holzbildwerke weichen.
Als Zwischenlösung wurden die intakten Einrichtungsgegenstände und Kunstwerke auf dem großen Boden des Delitzscher Rathauses gelagert, bis sie in das 1900 gegründete Delitzscher Altertumsmuseum im Gebäude der Mädchenschule gelangten. Dort war ein Raum dem Delitzscher Innungswesen gewidmet. Da das Museum zu diesem Zeitpunkt noch kein Depot besaß, wurde der Schrank wohl auch ausgestellt.

Die Rettung
1929 erhielt das Altertums-Museum im leerstehenden Schloss Delitzsch einige Räume zugewiesen und alle Exponate zogen mit um. 253 Jahre nach seiner Fertigung wurde der nun schon schwer beschädigte Innungsschrank 1975 in der Restaurierungswerkstatt des Kreismuseums Delitzsch von Herrn Busch sehr zeitaufwendig instandgesetzt.
Anschließend diente das Möbelstück im Depot des Museums im Dachgeschoss bis Oktober 2024 als Aufbewahrungsort für Gebrauchsgläser und Flaschen des 19. Jahrhunderts.
Im Jahr 2025 restaurierte Restauratorin Kristin Lauterwald das alte Möbelstück in Leipzig für die Sonderausstellung „Vergesst uns die Meister nicht! Handwerk in Delitzsch“ des Museums Barockschloss Delitzsch erneut. Zur Deckung der Kosten konnte auch eine Spende der Delitzscher Handwerksmeisterin Cathrin Epperlein verwendet werden – vielen Dank an dieser Stelle dafür.